Wer Register für Menschen mit psychischen Erkrankungen fordert, reproduziert NS-Politik

Am 30. Dezember 2024 äußerte Carsten Linnemann, aktuell amtierender Gesundheitsminister, dass es nicht ausreiche, „Register anzulegen für Rechtsextremisten und Islamisten, sondern in Zukunft sollte das auch für psychisch Kranke gelten“. Er distanzierte sich später wegen massiver Kritik von dieser Aussage. Dennoch folgte am 27.01.2025 auf einer Sonderkonferenz der Innenminister*innen der Beschluss, dass alle Bundesländer im Rahmen des „Bedrohungsmanagements“ den Auftrag erhalten, bundesweite Standards zu entwickeln und zu prüfen, wie die Psychisch-Kranken-Gesetze der Länder angepasst oder erweitert werden können. In Hessen erfolgte eine entsprechende Anpassung im Dezember 2025, in Niedersachsen befindet sich diese bereits im Verfahren, in NRW befindet sich der vorliegende Entwurf in Diskussion, welcher in Hamburg bis Ende 2026 vorliegen soll (Stand November 2026).

Erfasst, missbraucht, ermordet - Aktion T4

Am 9. Oktober 1939 wurden alle Heil- und Pflegeanstalten, psychiatrischen Krankenhäuser und Altersheime in Deutschland dazu verpflichtet, bestimmte Gruppen von Patient*innen lückenlos zu melden. Zuvor vermittelten Kampagnen der NS die Haltung, dass hilfsbedürftige Menschen grundsätzlich „zu teuer“ wären und „leistungsstarke“ Menschen zu Unrecht unter ihrer „Last“ leiden würden. Die bürokratische Erfassung war ein zentrales Instrument, um Menschen, die als „psychisch krank“, „behindert“ oder „asozial“ galten, weil sie beispielsweise nicht arbeitsfähig waren, systematisch zu ermorden. Pflegefachpersonen, die Ärzteschaft, Hebammen und andere Berufsgruppen, die Zugang zu sensiblen Lebensbereichen hatten, haben ihre berufliche Rolle genutzt und sich aktiv an den Verbrechen der NS beteiligt. 350.000–400.000 Menschen wurden im Rahmen der „Aktion T4“ zwangssterilisiert, 250.000–300.000 weitere Menschen wurden ermordet.

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Literaturliste (Sach- & Fachbücher, Belletristik)

  • Baader, G., & Peter, J. (Hrsg.). (2018). Public Health, Eugenik und Rassenhygiene in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus: Gesundheit und Krankheit als Vision der Volksgemeinschaft. Mabuse-Verlag.
  • Betzien, P. (2018). Krankenschwestern im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager: Selbstverständnis, Berufsethos und Dienst an den Patienten im Häftlingsrevier und SS-Lazarett. kula Verlag Dr. Edgar Bönisch.
  • Buck, D. (2023). Auf der Spur des Morgensterns: Psychose als Selbstfindung. Psychiatrie Verlag.
  • Foth, T. (2013). Regieren durch Akten. Die Funktion von PatientInnenakten für die Krankenmorde des Nationalsozialismus. In T. Conradi, H. Derwanz, & F. Muhle (Hrsg.)
  • Freundeskreis Paul Wulf (Hrsg.). (2021). „Ich lehre euch Gedächtnis“: Paul Wulf: NS-Opfer – Antifaschist – Aufklärer. Unrast.
  • Gaida, U. (2025). Zwischen Pflegen und Töten: Krankenschwestern im Nationalsozialismus. Einführung und Quellen für Unterricht und Selbststudium (8. Aufl.). Mabuse-Verlag.
  • Gersdorff, A., & Sturm, K. (2024). Stoppt Ableismus! Diskriminierung erkennen und abbauen. Rowohlt Taschenbuch.
  • Henseler, E. (2025). Historisch-politische Bildung in der Pflege: Ein Lehr-Lern-Konzept zur NS-„Euthanasie“. Tectum.
  • Herzog, D. (2024). Eugenische Phantasmen: Eine deutsche Geschichte. Suhrkamp.
  • Pfütsch, P. (Hrsg.). (2024). Die Rolle der Pflege in der NS-Zeit: Neue Perspektiven, Forschungen und Quellen. Franz Steiner Verlag.
  • Roth, J. A. (2022). Die Pflegerinnen der hessischen Landesheilanstalten in der Zeit des Nationalsozialismus. kassel university press.
  • Schöne, A. (2022). Behinderung und Ableismus. Unrast.
  • Steppe, H. (Hrsg.). (2025). Krankenpflege im Nationalsozialismus (11. Aufl.). Mabuse-Verlag.
  • Steppe, H., & Ulmer, E.-M. (Hrsg.). (2022). „Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin“: Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den „Euthanasie“-Aktionen in Meseritz-Obrawalde (6. Aufl.). Mabuse-Verlag.